Lillis Geburt

Lillis Geburt

Eine neue Welt!

Zu jedem Entwicklungszeitpunkt prägten Lillis bereits geschaffene Voraussetzungen und Bedingungen die Entwicklung ihres weiteren Gehirns. Sie schickte Neurohormone und periphere Nervensignale aus ihrem Gehirn ab, die ihren Körper und ihre Organe ausbildeten. Daher passt ihr Körper exakt zu ihrem Gehirn, unter dessen Einfluss er sich entwickelt hat. Auch die sich ausbildenden Sinnesorgane gaben bereits eine Menge Informationen an ihr Gehirn wieder zurück. Als sie auf die Welt kam, wusste ihr Gehirn also ganz genau, wie ihre Organe funktionieren, wie ihr Blutdruck ist, wie ihre Muskeln miteinander arbeiten und wie ihre Arme und Beine gesteuert werden.

So hatte sie Zeit, allmählich zu lernen, was die Außenwelt so alles für sie bereithält, und die Gefühle, Geschmäcker, Gerüche und Geräusche, die durch ihre Mutter zu ihr durchdrangen, zu erkennen.

 

Eriks Mutter rauchte!

Rauchte viel, und zwar welche von der starken Sorte. Und so war auch Erik schon von Nikotin abhängig, obwohl er noch gar nicht geboren war. Wie seine Mutter wurde auch er unruhig, wenn sie längere Zeit nicht rauchen konnte. Wenigstens verzichtete sie auf Wein und andere alkoholische Getränke, die sie sonst immer gerne getrunken hatte. Stattdessen griff sie nun aber zu süßen Limonaden. Und sie aß sehr oft am Tag Lebensmittel, für deren Verarbeitung ihr Körper viel zu viel Energie benötigte.

Sie brauchte das, um sich glücklich zu fühlen. Limonadenfirmen und Erzeuger von Fertigprodukten wissen genau, wie sie den Menschen Glücksgefühle bescheren können. Welche Mengen von Fett, Zucker und Salz in ihren Produkten enthalten sein müssen, damit die Menschen nicht mehr spüren, ob sie satt oder hungrig sind. Das Gehirn kann nämlich durch die richtige Formel getäuscht werden und schafft so einen „Glückspunkt“. Den kennt jeder, der schon einmal Chips, Cornflakes oder Schokoladeschnitten gegessen hat, und manifestiert sich in dem Slogan, mit dem ein Süßwarenhersteller einst seine Produkte beworben hat: „Wenn ich nur aufhören könnte…“. Damit hat der Hersteller ganz offen gesagt, wohin er uns mit seiner Mischung aus Fett und Zucker bringen möchte: Zum hemmungslosen Konsum, der zwar den Hunger-Satt-Mechanismus narkotisiert, aber keine Zufriedenheit bringt. Die richtige Kombination aus Fett und Zucker oder aus Fett und Salz verursacht im Gehirn einen Kurzschluss. Wenn das lange genug passiert, ist das Gehirn so durcheinander, dass es ohne diesen Cocktail nicht mehr normal spüren kann.

Das geschah nicht nur im Gehirn von Eriks Mutter, sondern auch in jenem des noch ungeborenen Buben: Erik war also nicht nur bereits nikotinsüchtig – auch sein Hunger-Satt-Mechanismus war schon im Mutterleib verstellt. Erik hatte nicht so viel Glück wie Lilli.

 

Oxytocin als Wegbereiter

Bei den beiden Ungeborenen bildeten sich gerade der Gleichgewichtssinn und die Tastempfindungen aus. Diese Sinne zeigten uns schon eine ganze Menge über die Welt, in der die schwangere Mutter lebte. Lilli wusste schon, dass ihre Hunde bellen, wenn es an der Tür läutet, und sie kannte auch schon die Stimme eines anderen Kindes, das mit Mama und Papa lebt. Denn Lilli hat einen Bruder. Er heißt Felix und ist um zwei Jahre älter als Lilli.

Zwar war alles um 40 Dezibel leiser im Bauch der Mutter als draußen in der Welt, aber Lilli hörte schon alles. Und kannte schon viel von der Welt, in die sie hineingeboren werden würde. Da spürte Lilli auch, wenn ihre Mutter die Hand gegen ihren Kopf drückte oder wenn Felix leicht auf den Bauch von Mutter klopfte. Lilli drückte sogar ihren Fuß gegen die Bauchdecke ihrer Mutter und freute sich, wenn ihr Bruder zurück drückte. Das war schon sehr spannend. So lernte Lilli viel von der Welt, die ihre Mutter umgab, und ihr Gehirn war motiviert, weil es laufend neue Reize wahrnahm.

Doch langsam wurde es ungemütlich in der engen Höhle. Sie hatte schon sehr wenig Platz. Das Blut ihrer Mutter bot ihr nicht mehr genug Nahrung, und ihr Gehirn bemerkte, dass ihr schon wichtige Vitalstoffe fehlten. Es schickte Boten aus, die der Gebärmutter das Signal gaben, dass es Zeit sei. Zeit, Lilli auf die Welt zu bringen.

Das Signal gab das Oxytocin. Es ist das Powerhormon unter den Boten, das all die kraftvollen Instinkte, die emotionalen und physischen Kräfte freisetzt, die Mutter, Vater, das Kind und die Familien brauchen, um die Geburtsschmerzen zu ertragen, sie dann rasch wieder zu vergessen und so die glückseligen Eltern- und Familiengefühle zu entwickeln.

Botenstoffe steuern alle unsere Instinkte und natürlichen Lebensvorgänge. Botenstoffe setzen Gefühle, Kräfte und biologische Mechanismen in Gang, die notwendig sind, um naturgegebene Abläufe und Ereignisse wie Sexualität-Empfängnis-Schwangerschaft-Geburt-Stillen überhaupt erst zuzulassen und möglich zu machen.

Der Vater von Lilli ist während der Schwangerschaft auch dicker geworden. Alle Freunde lachten, weil er auch schon bei seinem Sohn gemeinsam mit seiner schwangeren Frau dick geworden war. Das war ein gutes Zeichen und für die Kinder toll, weil es darauf hindeutete, dass beide Eltern gute Brutpfleger sind. Solche Eltern ziehen ihre Kinder eher gemeinsam groß und geben ihnen mehr Sicherheit im Leben.

Oxytocin gibt der Muskulatur der Gebärmutter den Befehl, das Ungeborene rauszudrücken. Bei Lillis Mutter setzten die Wehen ein. Das war vielleicht eine Schinderei! Es wurde furchtbar eng, Lilli wurde in einen immer schmäler werdenden Kanal geschoben, hatte das Gefühl, festzustecken – irgendwie ging gar nichts weiter. Lillis Mutter brauchte einen Kaiserschnitt, um Lilli auf die Welt zu bringen. Lilli hörte fremde Geräusche, das Klirren der medizinischen Instrumente, plötzlich packten sie fremde Hände…

Eriks Mama brauchte keinen Kaiserschnitt. Er kämpfte sich durch den Geburtskanal und schlüpfte durch die Vagina seiner Mama und konnte dort viele Bakterien kennenlernen, die ihm dabei helfen, sein Immunsystem in den ersten Lebensjahren fit zu machen.

Bei Lilli ist das ein wenig blöd, sie muss sich die Bakterien erst mühsam in den ersten Lebensjahren mit allen möglichen Krankheiten, die sie erwischen kann, zusammensammeln. Offenbar weiß Lilli doch noch nicht so viel über die Welt. Es  ist laut um sie herum, sie hat schreckliche Angst. Plötzlich ist sie so schwer, es zieht in den Händen, die sie halten, und sie hat das Gefühl, ihr Körper erdrückt sie. Es ist die Schwerkraft, die sie so unvorbereitet trifft. Im Mutterleib war es so weich, so leicht, sie ist geschwebt, fast schwerelos. Das alles ist weg. Die Welt ist zerrissen in tausende von Einzelteilen, alles schwirrt um sie herum, und es ist grell und voller Lärm. Ihr ist schrecklich kalt und sie glaube zu ersticken. Mit voller Kraft brüllt sie los und setzt damit ihre Lungen in Betrieb. Sie schnauft und atmet und schnauft und atmet. Hände heben sie auf, sie fliegt durch die Luft, und jetzt sieht sie ihre Mutter.

Aus 20 Zentimetern Entfernung bekommt sie die ersten optischen Eindrücke von ihr. Zum ersten Mal sieht sie ihre Mutter und erkennt sie auch gleich. Sie zieht Lilli an ihre linke Seite, Lilli hört wieder den Herzschlag, der ihr so vertraut ist, und sie liegt auf der Haut ihrer Mutter. Sie ist noch voller Schmiere, und es graust ihrer Mutter ein bisschen. Aber die Boten in Mamas Gehirn sind schon unterwegs und helfen Mama dabei, Lilli bald angenehm zu finden.

Ihre Mutter wird müde, und Lilli beginnt an ihrer Brust zu nuckeln. Lilli kennt ihren Geruch, sie kennt ihr Herz, sie spürt ihre Haut. Es wird ganz weich in Lilli und sie spürt: „Es ist alles wieder gut! Jetzt ist alles wieder gut!“ Ab nun kann Lillis Gehirn sich entwickeln und immer stärker erfahren, dass es sicher ist.

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